Die Veränderungsfenster im Leben: Selbstfindung zwischen 25–35 und 45–55

Die Veränderungsfenster im Leben: Selbstfindung zwischen 25–35 und 45–55
Kurzfassung: Veränderungsfenster eröffnen Chancen zur bewussten Neuorientierung in den Lebensphasen 25–35 und 45–55. Praktische Schritte, Übungen und Reflexionen unterstützen dabei, Werte zu klären, Präsenz zu stärken und kleine, tragfähige Handlungsschritte zu gehen.
Wer bin ich wirklich und was will ich vom Leben? Veränderungsfenster sind nicht nur Herausforderungen im Leben, sondern Startpunkte für bewusste Lebensgestaltung. Insbesondere in den zwei sensiblen Lebensphasen von 25-35 und 45-55 sind innere Standortsbestimmung und die Neuausrichtungen des privaten und beruflichen Lebens wichtige Themen.
1 | Warum die Frage „Wer bin ich wirklich?" keine Krise, sondern eine wichtige Entwicklungsaufgabe zur Bestimmung neuer Lebensziele ist
Hast du dich schon einmal gefragt: Wer bin ich wirklich? Und was will ich wirklich in meinem Leben? Wenn ja, bist du nicht allein. Diese Fragen tauchen besonders in zwei sensiblen Lebensphasen auf: zwischen 25 und 35 Jahren und zwischen 45 und 55 Jahren. Diese psychologischen Prozesse kann man als Veränderungsfenster sehen, in denen Menschen ihr Leben reflektieren, Bilanz ziehen und neue Lebensziele finden. Veränderungen können von innen heraus aus dem Gefühl "Ist das alles?" oder aufgrund von äußeren Lebensereignissen, wie z.B. eine Kündigung, eine Scheidung oder Umzug angestoßen werden. Krisen zu überwinden gehört zu den wichtigen Lebensaufgaben eines Menschen. Sie sind natürlich und lassen uns reifen. Die eigenen Ziele zu finden sind dabei ein wichtiger Schlüssel, um das Leben neu zu sortieren.
Der Entwicklungspsychologe Daniel Levinson beschreibt in seiner Stage Crisis Theory, dass das Erwachsenenleben in aufeinanderfolgende Lebensphasen (Stages) gegliedert ist, die jeweils von typischen Entwicklungsaufgaben und inneren Krisen begleitet werden. Zentral ist dabei der Begriff der Lebensstruktur: Damit meint Levinson das grundlegende Muster, wie eine Person ihr Leben organisiert – etwa in Bezug auf Arbeit, Beziehungen, Familie, Werte und Lebensziele. In bestimmten Übergangsphasen wird diese Lebensstruktur hinterfragt, neu aufgebaut oder grundlegend verändert. Wenn du in diesen sensiblen Phasen nicht allein sein möchtest, kann eine Psychologische Beratung eine wertvolle professionelle Unterstützung sein, um mehr über dich zu erfahren.
1.1 | Unser Leben zwischen Stabilität und Umbruch
Daniel Levinson geht davon aus, dass das Erwachsenenleben nicht als lineare Abfolge stetiger Entwicklung verläuft, sondern in wiederkehrenden Phasen von Stabilität und Umbruch organisiert ist. Diese Phasen sind weniger an das chronologische Alter gebunden als an innere Entwicklungsprozesse. Im Zentrum seiner Theorie steht die sogenannte Lebensstruktur – also das grundlegende Muster, mit dem ein Mensch sein Leben ordnet. Dazu gehören Beruf, Beziehungen, Familie, Werte, Ziele und die Art, wie individuelle Wünsche mit gesellschaftlichen Erwartungen in Einklang gebracht werden. Jede Lebensstruktur ist dabei stets ein Kompromiss zwischen persönlichen Träumen und realen Möglichkeiten, zwischen dem Wunsch nach Freiheit und dem Bedürfnis nach Sicherheit.
Krisen entstehen nach Levinson nicht, weil etwas „schiefgelaufen" ist, sondern weil eine bestehende Lebensstruktur ihre tragende Funktion verliert. Menschen geraten in Spannung, wenn sie zu lange an einem Lebensentwurf festhalten, der nicht mehr zu ihnen passt, oder wenn unausgelebte Anteile des Selbst zunehmend spürbar werden. In diesem Sinne versteht Levinson Krisen als notwendige Reifungsprozesse: Sie fordern dazu auf, das eigene Leben bewusster zu überprüfen und neu auszurichten. Oft kann es auch hilfreich sein, mehr über die eigene Persönlichkeit zu erfahren und in einer individuellen Beratung mehr über persönliche Grenzen und Möglichkeiten zu erfahren.
1.2 | Die Phase zwischen 25 und 35 Jahren: Zwischen Traum und Realität
Besonders prägend ist die Phase zwischen 25 und 35 Jahren, in der viele Menschen versuchen, eine stabile Lebensstruktur zu etablieren. Themen wie Berufseinstieg, Partnerschaft, Familienplanung und die Frage nach dem „richtigen" Lebensweg stehen im Vordergrund. Entscheidungen aus dieser Zeit legen oft das Fundament für die kommenden Jahrzehnte, werden aber nicht selten von Zweifeln begleitet.
In dieser Zeit versuchen viele Menschen, erstmals eine stabile Lebensstruktur aufzubauen. Levinson spricht hier vom „Life Dream", einer oft idealisierten Vorstellung davon, wer man sein möchte und wie das eigene Leben aussehen soll. Berufliche Entscheidungen, Partnerschaften und Fragen der Lebensgestaltung gewinnen an Gewicht. Die Krise dieser Phase entsteht häufig dort, wo sich zeigt, dass die Realität nicht mit den ursprünglichen Erwartungen übereinstimmt – etwa wenn Arbeit weniger erfüllend ist als erhofft oder Beziehungen mehr Anpassung verlangen als gedacht. Die eigentliche Entwicklungsaufgabe besteht darin, zu akzeptieren, dass kein Lebensentwurf alle Wünsche gleichzeitig erfüllen kann. Aber: dass Lebenswünsche die Ursprungsenergie zum Aufbau von Werten und Zielen sind.
1.3 | Zwischen 45 und 55 Jahren: War das schon alles?!
Eine weitere kritische Übergangsphase liegt zwischen 45 und 50 Jahren. In dieser Zeit kommt es häufig zu einer erneuten Überprüfung der bisherigen Lebensstruktur. Hier verschiebt sich der innere Fokus deutlich: Zeit wird nicht mehr als unbegrenzt erlebt, sondern als begrenzte Ressource. Während in jüngeren Jahren die Vorstellung vorherrscht, später noch einmal neu beginnen zu können, tritt nun stärker ins Bewusstsein, dass manche Entscheidungen unumkehrbar sind und nicht alle Träume nachgeholt werden können. Die Krise dieser Lebensphase kann durch äußere Veränderungen ausgelöst werden und ist geprägt von einer tiefgreifenden inneren Neuordnung. Fragen nach Sinn, Identität, Endlichkeit und Prioritäten rücken in den Vordergrund.
Levinson versteht diese Phase nicht als Scheitern, sondern als Chance zu größerer innerer Stimmigkeit. Wer den Mut hat, die eigene Lebensstruktur ehrlich zu hinterfragen, kann zu einem realistischeren Selbstbild, größerer Gelassenheit gegenüber äußeren Erwartungen und einem bewussteren Umgang mit der verbleibenden Lebenszeit finden. Der Prozess dahin kann herausfordernd sein und eine psychologische Beratung kann hilfreich sein, diesen Weg professionell begleitet und nachhaltig zu gehen.
Lebenskrisen sind keine Abweichung vom normalen Entwicklungsverlauf. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil menschlicher Reifung – Momente, in denen Wachstum weniger durch Leistung als durch Wahrhaftigkeit geschieht.
2 | Lebensfragen und Orientierung im jungen Erwachsenenalter (25–35 Jahre)
In dieser Lebensphase trittst du in die Erwachsenenwelt ein. Du verlässt die Jugend und beginnst, dein eigenes Leben aufzubauen. Beruf, Partnerschaften, Freundschaften – alles verlangt Entscheidungen, die wirklich zu dir passen. Du kannst jetzt die Intuition für deinen Lebensweg entwickeln, damit du deine Fähigkeiten für das einsetzen kannst, was dir im Leben wirklich etwas bedeutet. Diese sechs Schritte können dich inspirieren, um ein Gefühl für deinen Lebensweg zu entdecken.
2.1 | Akzeptiere deine Lebensrealität — und deinen Wunsch nach mehr
In diesem ersten Schritt geht es nicht darum, einfach zu fühlen, sondern bewusst anzuerkennen:
Du kannst etwas wirklich sehr wünschen — auch wenn es noch nicht da ist. Das heißt: Du darfst deinen Wunsch festhalten, auch wenn du gerade noch nicht dort bist, wo du sein willst. Wir nennen das: Deinen Ausgangspunkt der Entscheidung.
Übung: Schreibe drei Dinge auf, die du dir wirklich wünschst (beruflich, emotional, persönlich). Daneben schreibe: „Auch wenn ich das (noch) nicht erreicht habe, ist dieser Wunsch wichtig für mich." Spüre, wie es ist, diesen Wunsch zu halten UND gleichzeitig die Realität zu sehen, ohne dich klein zu machen. Wünsche werden dann zu unseren Werten, wenn wir sie als handlungsleitend annehmen. Sie werden dadurch zu einer Energie, die sich im Leben zeigen kann. Das ist eine wichtige geistige Vorarbeit für die nächsten Schritte.
2.2 | Erkenne deine Gedanken — aber glaube nicht alles, was sie sagen
Gedanken wie „Ich muss jetzt endlich…", oder „Ich sollte schon längst…", oder "ich bin nicht gut genug" erzeugen Druck und verengen die Entwicklungsperspektive. Sie halten dich in ihrem Griff gefangen. Erst, wenn du diesen Griff lösen kannst, kannst du den nächsten Schritt in deine eigene Präsenz gehen. Wenn wir mit unseren Gedanken verschmelzen, die uns innerlich antreiben und hetzen, wird unser Selbstgefühl davon dominiert. Ein bewusster Mensch beobachtet seine Gedanken und entscheidet dann, welchen Gedanken er folgen möchte oder nicht. Der Ausgangspunkt der Entscheidung aus Schritt 1 hilft dir dabei, deine Gedanken in hilfreiche und weniger hilfreiche zu unterscheiden. Wie bei Aschenbrödel und den Sieben… „die schlechten ins Kröpfchen, die guten ins Töpfchen".
Übung: Wenn ein belastender Gedanke auftaucht, sag innerlich: „Da ist dieser Gedanke … und er ist nicht ich." „Ich beobachte gerade, dass ich schon wieder den Gedanken… denke." Stelle dir vor, dass jeder Gedanke auf einer Wolke sitzt, einer großen oder kleinen, einer dunkleren oder helleren. Sieh deine Gedankenwolken vor dir. Und dann lass eine nach der anderen von einem kräftigen Wind angetrieben an dir vorbeiziehen. Beobachte den Gedanken so, wie du eine Wolke siehst – er ist da, aber du bist größer als dein Gedanke. Du kannst ihn beobachten.
2.3 | Sei im Moment präsent — fühle deine authentische Stärke
Unsere Gedanken ziehen uns oft in die Zukunft oder zurück in die Vergangenheit. Wir grübeln über das, was hätte sein können, oder was noch kommen könnte. Aber nur aus dem Hier und Jetzt kannst du dein Leben neu bestimmen und dich ausrichten. Deshalb ist es so wichtig, präsent zu sein, sich im jetzigen Augenblick wahrzunehmen und zu fühlen. Der physische Ausgangspunkt für unsere Entscheidungen ist die körperliche Präsenz!
Embodiment-Übung: Das erweiterte Handflächenparadigma
Stelle dich aufrecht hin, die Füße etwa hüftbreit auseinander. Spüre kurz den Kontakt zum Boden und richte deine Wirbelsäule mühelos auf. Hebe nun beide Arme nach vorne und leicht zur Seite, sodass sie ausgestreckt sind, etwa auf Schulterhöhe. Die Handflächen zeigen in den Raum, nicht zueinander, die Finger sind entspannt.
Richte deine Aufmerksamkeit auf die Handflächen, während sie den Raum vor und um dich herum berühren, ohne etwas physisch zu berühren. Stelle dir nicht aktiv etwas vor, sondern nimm wahr, wie sich der Raum anfühlt, in den deine Hände hineinreichen. Lass den Atem ruhig fließen.
Beginne nun, deine Wahrnehmung bewusst über die Grenzen deines Körpers hinaus auszudehnen. Spüre nicht nur die Hände, sondern auch den Raum, den sie eröffnen – nach vorne, zur Seite und leicht nach hinten. Als würdest du den Raum um dich herum „halten".
Erlaube diesem Raum, größer zu werden. Nicht durch Anstrengung, sondern durch Präsenz. Dein Körper bleibt dabei ruhig und stabil, während deine Wahrnehmung weiter wird.
Nach einigen Atemzügen senke langsam die Arme und spüre nach, wie sich dein Körper jetzt im Raum anfühlt – oft aufrechter, klarer oder innerlich weiter. Sage dir die stärkende Affirmation: "Ich bin jetzt zu 100 Prozent in meiner Kraft und Stärke".
Psychologische Begründung: Aus psychologischer und embodiment-theoretischer Sicht arbeitet diese Übung mit der Verknüpfung von Körperhaltung, Wahrnehmung und Selbstempfinden. Ausgestreckte Arme und offene Handflächen aktivieren implizit Annäherungs- und Explorationsmuster, die mit Selbstwirksamkeit, Handlungsspielraum und Präsenz verbunden sind.
Gleichzeitig wird das sogenannte peripersonale Feld erweitert – der subjektiv erlebte Raum um den Körper herum. Studien aus der Körper- und Wahrnehmungspsychologie zeigen, dass sich das Erleben von Selbstgrenzen flexibel verändert und eng mit emotionaler Sicherheit und innerer Stabilität verknüpft ist.
Indem die Aufmerksamkeit bewusst in den Raum um den Körper gelenkt wird, verlagert sich der Fokus weg von innerem Grübeln hin zu einer verkörperten Gegenwärtigkeit. Das Nervensystem erhält das Signal von Orientierung, Weite und Kontrolle, was regulierend auf Stress und innere Enge wirkt.
Psychologisch unterstützt die Übung das Erleben von innerer Kraft, ohne Dominanz oder Spannung. Präsenz entsteht hier nicht durch Anspannung, sondern durch das Erleben von Raum, Halt und Ausdehnung – eine Qualität, die besonders in Übergangs- und Krisenphasen stabilisierend wirkt.
2.4 | Betrachte dich selbst als den Beobachter deiner Gedanken und Gefühle
Diese Übung ist inspiriert aus der Psychosynthese von Roberto Assagioli und kann dir helfen, eine gesunde Distanz zwischen Gedanken und Gefühlen zu gewinnen, einen klaren Abstand, in dem du dich als Beobachter erfährst.
Ich nehme meinen Körper wahr – und ich bin mehr als mein Körper. Ich nehme meine Gefühle wahr – und ich bin mehr als meine Gefühle. Ich nehme meine Gedanken wahr – und ich bin mehr als meine Gedanken. Ich bin der bewusste Beobachter, der wählen kann.
Psychologische Bedeutung: Diese Sätze dienen zur inneren Distanzierung im Sinne von Selbstregulation. Durch die bewusste Unterscheidung zwischen Erleben und Identität entsteht ein stabiler innerer Beobachterstandpunkt. Dieser ermöglicht Klarheit, Handlungsfreiheit und innere Führung – du gewinnst Selbstbestimmung über dein inneres Erleben.
2.5 | Kläre deine Werte — was dir wirklich wichtig ist
Werte sind keine erreichbaren Ziele, sondern Lebensrichtungen, in die du dich bewegen willst. Ein Wert kann sein: Verbundenheit, Kreativität, Mut, Freiheit oder Nähe. Werte geben deinem Leben eine Richtung, auch wenn du sie noch nicht perfekt lebst. In der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) werden Werte nicht als Ziele verstanden, sondern als Richtungen, nach denen man sein Leben ausrichten möchte. Um die eigenen Werte herauszufinden, wird die Aufmerksamkeit weg von äußeren Erwartungen hin zu dem gelenkt, was sich innerlich stimmig und bedeutsam anfühlt.
Ein zentraler Zugang besteht darin, sich zu fragen, wie man sein Leben führen möchte, unabhängig davon, ob Hindernisse oder unangenehme Gefühle vorhanden sind. Typische Leitfragen sind: Was ist mir in wichtigen Lebensbereichen wie Beziehungen, Arbeit, persönlichem Wachstum oder Gesundheit wirklich wichtig? oder Wie möchte ich mich als Mensch verhalten – auch in schwierigen Situationen?
ACT arbeitet dabei viel mit Erfahrungsorientierung: Werte zeigen sich oft dort, wo Schmerz oder Frustration auftauchen, denn was weh tut, weist häufig auf etwas hin, das einem bedeutsam ist. Was hat mir in letzter Zeit wirklich weh getan? Was wünsche ich mir anstatt dessen?
Mache dir Notizen in einem Wertetagebuch.
Beispiel: Schreibe fünf Werte auf, die dir wirklich wichtig sind. Frage dich bei jedem: „Wie würde mein Leben aussehen, wenn ich diesem Wert mehr folgen würde?"
2.6 | Gehe engagierte Schritte in Richtung deiner Werte
Jetzt kommt das Handeln: Es geht nicht darum, sofort alles zu verändern. Sondern es geht um kleine Schritte, die mit deinen Werten übereinstimmen — auch wenn du dich innerlich noch unsicher fühlst. Was kannst du tun, um deinem Wert ein kleines Stückchen näher zu kommen?
Übung: Wähle für diese Woche eine kleine Handlung, die zu einem Wert gehört.
Beispiel:
- Du willst mehr Verbundenheit → rufe eine liebe Person an.
- Du willst mehr Kreativität → setze dir 30 Minuten Zeit für ein Herzensprojekt.
Wichtig hierbei ist, dich deinem Wunsch anzunähern. Und dich immer wieder dafür zu entscheiden, Schritte in die richtige Richtung zu gehen.
Wenn du einen intensiven Weg zur Selbsterkenntnis suchst und dabei nicht allein sein möchtest, kann dir eine Ganzheitliche Psychotherapie eine wertvolle Unterstützung sein, dich tiefer und besser zu verstehen, um Selbsterkenntnis umsetzen zu können.
3 | Bilanz und Neuorientierung (45–55 Jahre)
In der zweiten Lebensphase geht es weniger um Aufbau, sondern um Reflexion und Neuorientierung. Du schaust auf das bisherige Leben, erkennst deine Stärken und überlegst, wo du bewusst neue Wege einschlagen möchtest, die du realistisch und im Rahmen der Möglichkeiten gehen kannst.
3.1 | Akzeptiere, was ist und hör auf zu kämpfen
Nimm dir einen Moment Zeit und richte deine Aufmerksamkeit auf dein gegenwärtiges Leben – nicht darauf, wie es sein sollte, sondern wie es jetzt ist. Erlaube dir, mit einer wohlwollenden Haltung auf deine Situation zu blicken, ohne zu bewerten oder zu korrigieren.
Schreibe anschließend einige Aspekte auf, die sich deinem Einfluss entziehen oder sich im Moment nicht verändern lassen. Während du sie notierst, sprich innerlich oder leise zu dir: „So ist es gerade. Und ich erlaube mir, das anzuerkennen."
Beobachte, was sich innerlich verändert, wenn du aufhörst, gegen die Realität anzukämpfen. Akzeptanz bedeutet hier nicht Zustimmung oder Aufgeben, sondern einen klaren, freundlichen Blick auf das, was ist – als Ausgangspunkt für bewusste nächste Schritte.
3.2 | Gedanken freundlich beobachten
Richte deine Aufmerksamkeit auf deine Gedanken, so wie sie sich im Moment zeigen. Vielleicht tauchen selbstkritische Stimmen auf oder Gedanken über verpasste Möglichkeiten. Nimm wahr, dass solche Gedanken ein natürlicher Teil menschlichen Erlebens sind – sie müssen weder bekämpft noch geglaubt werden.
Wähle einen Gedanken aus, der dich innerlich einengt, und schreibe ihn genau so auf, wie er erscheint. Lies ihn anschließend noch einmal und füge innerlich hinzu: „Ich bemerke, dass ich diesen Gedanken habe."
Formuliere danach eine freundlichere, realistischere Antwort – nicht als Gegenargument, sondern als Haltung: „Ich darf lernen. Ich darf unvollkommen sein."
Spüre kurz, wie es sich anfühlt, wenn Gedanken nicht mehr bestimmen, sondern nur noch wahrgenommen werden. Freiheit entsteht hier nicht durch positives Denken, sondern durch Abstand und Mitgefühl.
3.3 | Präsenzübung für die zweite Lebenshälfte: „Raum der eigenen Stärke"
Aufrichten und Erden: Setze dich oder stelle dich aufrecht hin. Spüre die Verbindung deiner Füße oder deines Sitzes zum Boden. Nimm bewusst wahr, dass du getragen wirst.
Atmung als Anker: Lege eine Hand auf den Bauch oder die Brust. Atme tief ein und aus, ohne etwas zu erzwingen. Spüre, wie jeder Atemzug den Körper sanft aufrichtet und stabilisiert.
Raum wahrnehmen: Strecke die Arme locker vor dir aus, die Handflächen offen in den Raum gerichtet. Spüre, wie der Raum um dich herum größer wird, ohne dass du ihn aktiv formen musst.
Innere Kraft aktivieren: Während du die Hände hältst, stelle dir vor, dass deine Präsenz wie Licht oder Wärme von der Körpermitte in den Raum ausstrahlt. Spüre Stabilität, Klarheit und innere Stärke.
Ruhig halten: Atme weiter ruhig und gleichmäßig, beobachte die Empfindungen in Händen, Armen, Schultern und Brust. Nimm wahr, dass du den Raum um dich bewusst hältst.
Abschluss: Senke die Arme langsam. Spüre, wie dein Körper sich aufgerichtet, ruhig und innerlich weit anfühlt. Du kannst innerlich sagen: „Ich bin im Hier und Jetzt, getragen von meiner Erfahrung und meiner inneren Kraft."
3.4 | Übung: Sich selbst als Ganzes wahrnehmen
Ruhig werden: Setze dich bequem hin oder stelle dich aufrecht hin. Schließe sanft die Augen, atme ein paar Mal tief ein und aus, und spüre, wie dein Körper getragen wird.
Innere Landkarte: Denke bewusst an die verschiedenen Aspekte deines Lebens – Rollen, Aufgaben, Erfolge, Herausforderungen. Nimm wahr, wie sie dich geprägt haben, ohne sie zu bewerten.
Erfahrung integrieren: Richte nun deine Aufmerksamkeit auf dich als Person hinter all diesen Rollen. Erlaube dir zu spüren: Du bist mehr als dein Beruf, deine Familie, deine Verpflichtungen oder deine Erfolge. Du bist ein Mensch mit Geschichte, Erfahrungen, Stärken und auch Unvollkommenheit.
Visualisierung: Stelle dir innerlich vor, dass du alle diese Facetten in dir versammelst – wie verschiedene Farben, die zusammen ein vollständiges Bild ergeben. Jede Erfahrung, jede Eigenschaft gehört dazu und trägt zur Ganzheit deines Selbst bei.
Sanfte Affirmation: Wiederhole innerlich oder leise: „Ich bin mehr als meine Rollen, mehr als meine Erfolge. Ich bin ein ganzer Mensch mit Erfahrung, Tiefe und Möglichkeiten."
Nachspüren: Bleibe einen Moment in dieser Wahrnehmung. Spüre, wie Ganzheit und Selbstakzeptanz im Körper ankommen – oft als Wärme, Aufrichtung oder innere Ruhe. Öffne dann langsam die Augen und kehre bewusst in den Alltag zurück.
Psychologische Begründung: Diese Übung fördert Selbstakzeptanz und Kohärenz, zentrale Faktoren für Resilienz und innere Stabilität im mittleren Lebensalter. Indem man sich als Ganzes wahrnimmt, entsteht Distanz zu einengenden Rollen und Selbstbildern, die Stress oder Selbstkritik verstärken. Die Übung aktiviert das innere Beobachterbewusstsein, stärkt die verkörperte Präsenz und öffnet Raum für bewusste Entscheidungen über die zweite Lebenshälfte.
3.5 | Reflektiere deine Werte
Denke an die kommenden Jahre und an die Art von Leben, die du bewusst gestalten möchtest. Welche Qualitäten sollen dein Handeln leiten? Welche inneren Prinzipien sollen deine Entscheidungen, Beziehungen und deinen Alltag prägen?
Notiere drei bis fünf Kernwerte, die dir besonders wichtig sind – z. B. Freiheit, Authentizität, Verbundenheit, Gesundheit, Kreativität, Mitgefühl oder Integrität.
Schließe die Übung ab, indem du dir innerlich sagst: „Diese Werte prägen mein Leben. Ich gestalte meinen Alltag bewusst im Einklang mit dem, was mir wirklich wichtig ist."
Psychologische Begründung: Die bewusste Klärung von Werten ist ein zentraler Bestandteil der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT) und der Lebensgestaltung im mittleren Alter. Werte fungieren als Richtungsweiser, nicht als starre Ziele – sie geben Orientierung, wenn äußere Umstände unsicher oder herausfordernd sind.
Für Menschen zwischen 45 und 60 Jahren ist diese Übung besonders hilfreich, weil sie:
- Fokus auf das Wesentliche lenkt, statt sich in Pflichten oder gesellschaftlichen Erwartungen zu verlieren
- Entscheidungen und Handlungen mit innerer Kohärenz und Sinn verbindet
- Motivation und innere Stabilität stärkt, auch in Übergangsphasen oder bei unerfüllten Lebensträumen
3.6 | Gehe kleine Schritte in Richtung deiner Werte
Nachdem du deine Werte bewusst geklärt hast, geht es nun darum, sie konkret in dein Leben zu integrieren. Werte zeigen sich nicht nur in Gedanken, sondern in konkreten Handlungen, die deinen Alltag und deine Entscheidungen prägen.
Überlege: Was ist ein kleiner, realistischer Schritt, den du in den nächsten Tagen unternehmen kannst, um deinen Werten näher zu kommen?
Schreibe diesen Schritt auf – es kann etwas Einfaches sein, das dennoch Bedeutung trägt, z. B.:
- Ein altes Herzensprojekt wieder aufnehmen
- Mehr Zeit bewusst für Familie oder Freunde einplanen
- Einen Moment der Selbstfürsorge oder Kreativität in den Alltag integrieren
Führe diesen Schritt in der kommenden Woche bewusst aus. Beobachte, wie es sich anfühlt, wenn du dein Handeln mit deinen Werten in Einklang bringst. Wenn du dich nach einer tiefen Begegnung mit dir selbst oder deinem Lebenssinn sehnst, können dich eine energetische Balance oder Methoden der Körperarbeit durch energetische Psychologie auf sanfte Weise mit dir selbst in Einklang bringen.
4 | Zusammenfassung
Das Leben verläuft nicht linear, sondern in Zyklen von Stabilität und Übergängen. Besonders prägende Phasen sind 25–35 Jahre für den Aufbau einer Lebensstruktur und 45–55 Jahre für Reflexion und Neuorientierung.
Krisen zu überwinden sind notwendige Reifungsschritte. Durch bewusste Präsenz, Selbstbeobachtung, Werteklärung und kleine, bewusste Schritte kannst du nach und nach erkennen, was dir wirklich wichtig ist und wie du dein Leben gestalten möchtest. Dabei lernst du, deine Lebensstruktur klarer zu sehen und Entscheidungen im Einklang mit deinen Zielen, Werten und Stärken zu treffen.
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